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Keine Angst vor Fearfood!

Das Thema Fearfood ist wohl ein Thema, das uns als Eltern ständig beschäftigt und an dem wir uns nicht selten die Zähne ausbeissen. So unterschiedlich die Anorexie bei jedem Kind verläuft, so unterschiedlich ist auch das jeweilige Fearfood. Es gibt Kinder, die nach Monaten noch immer vor dem Anblick einer Kartoffel in Schockstarre verfallen, während andere bereits wieder Eis und Schokolade essen. Aber wogegen kämpfen wir eigentlich beim Thema Fearfood, gegen die Angst vor einem Nahrungsmittel, gegen eine Süssigkeit, eine Coca Cola, gegen ein Krankheitssymptom oder gar gegen ein gesellschaftliches Phänomen?

Es handelt sich bei der Anorexie keineswegs um eine ansteckende Krankheit, wie manche magersüchtige Teenager befürchten. Was übertragen und ansteckend wirkt, ist die in ihr verborgene Ideologie und es sind die damit einhergehenden riskanten Verhaltensweisen. Die Angst vor dem Dicksein und das Dünnsein als oberster Wert der Teenagerkultur und nicht nur der Teenager sondern auch erwachsener junger Frauen, sind Mythen. Sie sind Teil eines beinahe religiösen Kults – Ernährungstrends, Diäten, eine Welt in Light, ZERO-Zucker, Gesund, Vegan, Rituale. Die Indoktrination der Kinder und Jugendlichen erfolgt über die Medien, sozialen Netzwerke, die Schule, durch das Elternhaus und nicht zuletzt durch die Mädchen selbst.

Die Gesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten ihre Aufmerksamkeit - und damit auch die Werbung - auf den weiblichen Körper und allmählich auch auf das Teenager-Mädchen gelenkt. Die schlanke Teenagerin ist das Identifikationsmodell schlechthin. Von Mädchen und jungen Frauen wird erwartet, dass sie sich diesem Modell anpassen WOLLEN. Ein Teil der Heranwachsenden akzeptiert diese Herausforderung. Er fühlt sich nahezu verpflichtet diesem Vorbild zu folgen (vgl. Toro J. Riesgo y causas de la anorexia nerviosa. 1ª ed. Barcelona: Ariel; 2004)

Die Schlankheitsepidemie wird von Mensch zu Mensch weitergegeben, durch Druck, Identifikation, Nachahmung und nicht zuletzt auch durch Wettbewerb. Es gibt Mädchen, die Überträgerinnen sind, die ansteckend wirken und andere, die anfällig für eine Ansteckung sind. Diejenigen, die mit einem hohen Body-Mass-Index (BMI) in die Pubertät kommen, mit ihrem Körper unzufrieden sind, und das Leben sehr ernst nehmen, sind am meisten gefährdet. (vgl. Huon G. et al. Accounting for differences in dieting status: steps in the refinement of a model. Int J Eat Disord 1999; 26 (4): 420-33)

Dieser gesellschaftliche Kontext lässt sich beim Thema Fearfood nicht ausblenden. Und es stellt sich in der Folge auch die Frage, wie sieht das eigentlich bei mir selbst aus? Welchen Ernährungstrends folge ich? Habe ich Fearfoods? Wie steht es um meine eigene Einstellung zum Essen? Für welche Coca Cola entscheide ich mich? Light, Zero? Und abends, doch lieber das Salätchen statt der Pizza? Ernähre ich mich vegetarisch oder gar vegan? Wie ist das mit dem Zucker im Müsli? Vielleicht bin ich Befürworter einer Ernährungsampel? Ist mir eine gesunde Ernährung wichtig?

Bevor man sich überhaupt mit dem sogenannten Refeeding und Fearfoods beschäftigt, macht es Sinn, sich zu allererst mit seinen eigenen Ernährungsangewohnheiten, Einstellungen und Ritualen auseinanderzusetzen. AN stellt für einige Jahre unser Leben auf den Kopf. Sie ist der ungewünschte Gast, der kommt ohne anzuklopfen und er kommt, um zu bleiben. Er kommt mit den gleichen gesunden Ideen, Ritualen, Trends und Anschauungen, die ich vielleicht vor einiger Zeit noch selbst gutgeheissen habe oder noch immer gutheisse. Und dies bedeutet in vielen Fällen ein Umdenken auf ganzer Linie:

Es gibt ab jetzt keine ungesunden Lebensmittel! Essen ist nun Medizin für mein Kind!

Um gesund zu werden MUSS mein Kind wieder ALLES essen können! Gesund werden heisst sämtliche Restriktionen aufgeben! Gesund werden heisst, essen, in Mengen, die ich mir bisher vielleicht nicht vorstellen konnte! Es bedeutet auch eigene Essgewohnheiten umzustellen. Ein Refeeding klappt nicht, wenn ich selbst beim Abendessen im Salat herumstochere, ein Refeeding braucht meine Mitarbeit und die Mitarbeit der gesamten Familie. Refeeding heisst Vorbild sein, Essen geniessen, mal über die Stränge schlagen ohne wenn und aber, ohne schlechtes Gewissen. Refeeding heisst keine Angst vor den eigenen Fearfoods. All das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass mein Kind überhaupt eine Chance hat wieder gesund zu werden.

Das Thema Fearfood ist in den meisten Fällen eine lange Reise mit vielen Haltestellen, Richtungsänderungen und Entgleisungen. Es kann zusätzlich nicht aus dem Kontext der gesamten Ernährungsstrategie gelöst werden.

Voraussetzung für eine Genesung ist zu allererst ein Auslöschen des krankhaften Essverhaltens und eine Wiederherstellung eines ausgewogenen Ernährungsverhaltens, zu dem eben genau diese Fearfoods gehören. Eine vegetarische und vegane Ernährung ist im Falle einer AN kontraindiziert. Wird Essen als Medizin betrachtet, dann gehören auch Fleisch, Fisch und Eier dazu. Hinzu kommt, dass im Jugendalter die Veränderung des Essverhaltens hin zu einer vegetarischen Ernährung nicht selten die Eingangstür zu einer Essstörung öffnet.

Wie erreicht man nun ein ausgewogenes Ernährungsverhalten? In unserer Therapie geschieht das durch eine über Monate -in einigen Fällen Jahre- andauernde Umkonditionierung des Essverhaltens, anfänglich über einen Essensplan und feste Regeln bei der Zusammenstellung der Nahrungsmittel und der jeweiligen Mengen. Aber wie sieht das genau aus?

Bei uns in Spanien erhält das Kind bereits in der Klinik einen sehr ausgewogenen Essensplan, der eine Menge Fearfoods enthält, mit denen das Kind, nach einer kurzen Schonkostphase konfrontiert wird. Der Grundstein für das Essen in der folgenden ambulanten Phase, auch von Fearfoods, wird in der Klinik gelegt. Das Kind muss essen, es ist alternativlos. Es hat 20-30 Minuten für die Nebenmahlzeiten und 45 Minuten für die Hauptmahlzeiten. Schafft es das Kind nicht, in dieser Zeit alles, wirklich alles zu essen und das Öl aus dem Salatschüsselchen zu trinken, bekommt, es einen Shake. Trinkt es auch diesen nicht, wird es sondiert. Es gibt keine Möglichkeit nicht zu essen, keine Möglichkeit die Nahrung zu verweigern.

Wenn in Spanien das Kind dann nach ca. fünf Wochen aus der Klinik wieder nach Hause kommt, wird es Pommes, Pizza, Pudding, Eis, frittierte Calmares, mit Käse überbackene Nudeln, Aufläufe mit Sossen, Kuchen, Kekse usw. essen. Die Kinder KÖNNEN von Anfang an alles essen. Sie können bereits nach kurzer Zeit wieder grosse Mengen essen. Über einen langen Zeitraum gibt es feste Regeln, z.B. drei verschiedene Frühstücksalternativen, bei den Hauptmahlzeiten (mittags und abends warm) immer Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise und Brot auf unterschiedlichen Tellern serviert, fünf Mahlzeiten täglich, alle drei bis vier Stunden etwas essen. Das AUGE muss lernen, das Kind muss ein Gefühl für die Mengen visuell regelrecht antrainiert bekommen, da sich das Hungergefühl in manchen Fällen erst nach 1-2 Jahren oder später einstellt. Solange das Kind kein Hungergefühl verspürt, wird es kaum in der Lage sein eigenständig über Mengen zu entscheiden. Es braucht visuelle Hilfen. Hier wird, sobald der Essensplan abgebaut ist, mit der sogenannten Faustregel gearbeitet, die den Kindern vor allem ausserhalb der eigenen vier Wände das Essen erleichtern soll, z.B. in der Schulmensa: eine Faust Fleisch, Fisch oder Eier, eine Faust Kartoffeln, Reis oder Nudeln, eine Faust Gemüse, dazu Salat, Brot und ein Nachtisch.

Innerhalb der Fearfoods gibt es für mich ganz klar die MUSS-Foods und die KANN-Foods, bei denen ich mich aus meiner Erfahrung nicht stressen würde. Zu bedenken ist ebenfalls, dass die Art der Zubereitung, die ja auch häufig angstbesetzt ist, im Wochenverlauf variiert.

Von Anfang an stehen hier folgende Lebensmittel auf dem Plan. Sie sollten möglichst zu Beginn des Refeedings in den Ernährungsplan integriert werden.


MUSS-Foods:

  • Fleisch, Fisch, Eier
  • Kartoffeln (frittiert, gekocht, überbacken), Reis, Nudeln
  • Eintöpfe, Kartoffel- und Gemüsepürees
  • Aufläufe
  • Gemüse, Obst, Nüsse
  • Brot, Müsli, Kuchen, Kekse, Sandwich
  • Butter, Öl
  • Marmelade, Honig
  • Milch, Kakao, Joghurt, Shakes verschiedener Geschmacksrichtungen, Pudding, Flan, Eis, Sahne
  • Käse, Wurst, Schinken
  • Säfte
  • Zucker


KANN-Foods:

  • Fastfood, Burger etc.
  • Schokolade, Pralinen, Schokoriegel, etc.
  • Gummibärchen
  • Chips
  • Erfrischungsgetränke wie Coca Cola, Fanta
  • Nutella etc.


Das Refeeding wird hier in Spanien durch eine enge Zusammenarbeit mit der Klinik erleichert. Sollte das Kind sein Essen nicht in der vorgegebenen Zeit essen, besteht die Möglichkeit es in die Klinik zu fahren. Nach einem Gespräch mit dem diensthabenden Arzt bekommt das Kind an Ort und Stelle einen oder mehrere Shakes verabreicht, um den Kalorienverlust auszugleichen. Erfahrungsgemäss muss man eher selten zu diesem Mittel greifen. Allein der Umstand, ins Krankenhaus zu fahren, die lange Wartezeit im Wartezimmer, das Gespräch und der nachfolgende Shake, das Wissen um die elterliche Konsequenz, führt dazu, dass das Kind in der Regel seine Mahlzeit in der dafür vorgesehen Zeit einnehmen kann.

Vielleicht findet sich ja in deinem Ort ein Kinderarzt, den man von dem FBT-Grundsatz Essen ist Medizin überzeugen kann und zu dem du fahren kannst, wenn dein Kind nicht essen möchte.

Zuletzt möchte ich dir Mut machen! Dein Kind wird früher oder später wieder ALLES essen. Schau, dass du dein Kind aus dem gefährlichen Untergewicht herausbringt, iss selber mit Lust, mach dir keine Gedanken über Schokolade und Co, hab vor allem keine Angst vor dem AN- Monster, strahle Sicherheit aus, in dem, was du tust.

Essen ist die normalste Angelegenheit der Welt. Dies gilt es den Kindern wieder zu vermitteln.

Gib AN keinen Raum!

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