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Persönliche Erfahrungen einer Mutter aus Deutschland mit einer FBT Behandlung

Meine Tochter war fast 16 Jahre alt, als ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie war nie ein dünnes Mädchen gewesen, aber nie übergewichtig, so gerade richtig würde ich sagen.

Sie aß etwas einseitig, gerne Mehlspeisen und Süßes und wenig Obst und Gemüse, aber sie war ein sehr gesundes Kind und nur sehr selten krank.

Im Frühling 2016 begann sie plötzlich, sich "gesünder" zu ernähren. Weniger Süßigkeiten, mehr Obst und Gemüse, verlangte plötzlich nach Salat und neuen Gemüsesorten. Ich fand das zunächst völlig o.k. und war sogar ein wenig froh über diesen plötzlichen Sinneswandel.

Der Prozess war schleichend und ich kann nicht einmal genau sagen, wann ich begann, mir Sorgen zu machen.

Sie schränkte immer mehr Nahrungsmittel ein. Keine Süßigkeiten, kein Kuchen, kein Pudding, kein Saft, keine Pizza, keine Lasagne. Da wir durch ihren Stundenplan nur selten zusammen zu Mittag aßen, machte sie sich meist selbst etwas. Tütensuppen, Fertiggerichte, am liebsten Produkte, auf denen die Kalorienangaben drauf standen.

Die ersten Kilos habe ich tatsächlich kaum bemerkt. Inzwischen hatte sie noch mehr abgenommen. Die Stimmung war immer im Keller, sie kapselte sich mehr und mehr ab. Ständige Diskussionen über das Essen bzw. Nicht-essen. So ging das nicht mehr weiter. Ich stellte ein Ultimatum – wenn sich nichts ändert, gehen wir zum Arzt. Es änderte sich natürlich nichts.

Also machte ich einen Termin beim Kinderarzt weil sie jetzt kaum noch etwas isst. Meine Tochter saß nur stumm daneben.

Was dann kam, kann ich bis heute nicht nachvollziehen: keine Untersuchung, keine Gewichtsüberprüfung. Ein paar kurze Sätze über das deutsche Schulsystem, Pubertät, das wird schon wieder. Wenn sie Hunger bekommt, wird sie schon essen. Ich war völlig vor den Kopf geschlagen und meine Tochter hatte natürlich Oberwasser.

"Lass mich mal machen, das wird schon wieder, ich habe das im Griff."

 

Kinderarzt: "Wenn sie Hunger bekommt, wird sie schon essen."
Ich war völlig vor den Kopf geschlagen

 

Weitere 3 Monate später saßen wir erneut beim Kinderarzt. Diesmal als Notfall.

Meine Tochter völlig am Ende, blass, teilnahmslos, hat Suizidgedanken. Inzwischen hat sie viel mehr abgenommen. Sie fragt von sich aus nach dem Krankenhaus, will Hilfe.

 

Die Klinik: Normalstation

 

Zwei kurze Telefonate, dann bekamen wir eine Einweisung in eine Klinik 30 km entfernt. Eine extra Station für Essstörungen gäbe es da. 3 Tage warten, dann dürfen wir kommen.

Drei Tage Hölle, weil sie jetzt kaum etwas isst. Zwei Tage vor der Einweisung stellt sie auch das Trinken ein. Nicht einmal mehr Wasser darf in diesen Körper, es macht "den Bauch dick". Welchen Bauch? Ich habe nur noch Angst.

Nach ungefähr 9 Monaten Mangelernährung erhalten wir in der Klinik dann endlich eine Diagnose. RAN, restriktive Anorexia Nervosa.

Sie bekommt sofort einen Tropf wegen der Dehydrierung, es wird alles durchgecheckt. Zum Glück hat das Herz noch keinen Schaden genommen, der körperliche Zustand ist erschreckend gut. Sie wird immer wieder zu Untersuchungen abgeholt, einen Arzt sehen wir nicht.

Niemand spricht mit uns. Mittags das erste Essen in der Klinik. Sie bekommt einen Teller hingestellt, ich setze mich zu ihr. Nach gutem Zureden nimmt sie die Gabel und isst fasst den ganzen Teller leer. Beim Abendessen und Frühstück am nächsten Tag dasselbe. Ich bin erstaunt, denke mir aber noch nichts dabei.

 

Nach gutem Zureden nimmt sie die Gabel und isst fasst den ganzen Teller leer.

 

Die nächsten beiden Tage lag sie nur in ihrem Klinikbett. Kein Arzt, kein Therapeut kam vorbei. Das beginne alles in der nächsten Woche, sagen die Schwestern. Ich frage mich, worauf die warten.

 

Von Normalstation auf PSO (Psychosomatik) Klinik

 

Dann am folgenden Montag der Umzug von Normalstation auf PSO (Psychosomatik). Sie wird einer Gruppe zugeteilt, in der noch 5 andere ungefähr gleich alte Mädchen mit Anorexie sind. 4 davon haben eine Nasensonde. Die 5. wird nächste Woche entlassen. Es gibt jetzt einen Essensplan und feste Regeln.

Gewogen wird 3x pro Woche, es wird ein Zielgewicht genannt. Meine instinktive Nachfrage, ob es nicht besser wäre, wenn sie ihr Gewicht nicht wüsste, wird einfach abgetan. Wir wissen schon, was wir tun. Wir machen das ja nicht zum ersten Mal. Nachfragen unerwünscht.

 

Eltern dürfen ab jetzt nur noch 2x pro Woche kommen

 

Das Handy muss auch abgegeben werden, Anrufe sind nur für ein paar Stunden am Nachmittag möglich.

Meine Tochter weint fast ununterbrochen. Möchte wieder nach Hause. Will uns sehen.

Ich habe keine Ahnung, wie das über einen längeren Zeitraum funktionieren soll. Wie kann es hilfreich sein, einem suizidalen Kind den derzeit einzigen Halt zu nehmen? Wir hatten immer ein gutes Verhältnis.

 

Wie kann es hilfreich sein, einem suizidalen Kind den derzeit einzigen Halt zu nehmen? Wir hatten immer ein gutes Verhältnis.

 

Nach einer weiteren Woche hat sie sich etwas eingewöhnt, beginnt aber zu rechnen. Das "Team" hat eine gewünschte Gewichtszunahme von 500 g pro Woche angesetzt. Das Ziel scheint in unerreichbarer Ferne. Es wird so mindestens 5 Monate dauern, das Gewicht wieder herzustellen.

Nach 2 weiteren Woche ist klar, sie hat nicht zugenommen. Sie ist völlig verzweifelt, hat Angst, nie wieder nach Hause oder in die Schule gehen zu können.

Ich versuche vorzusprechen, den Essensplan in Frage zu stellen. Sie erbricht nicht und treibt keinen Sport, also kann es meiner Meinung nach nur ein Fehler in der Kalorienanzahl sein.

Es kommt heraus, dass das Team versucht, mit Salzbrezeln und Reiswaffeln und einer Kalorienmenge von ca. 1500 am Tag eine Gewichtszunahme zu erreichen. Da ist selbst mir als Laie klar, dass das so nicht funktionieren kann.

 

Es kommt heraus, dass das Team versucht, mit Salzbrezeln und Reiswaffeln eine Gewichtszunahme zu erreichen.

 

Am Nachmittag (Handy-Zeit) ruft mich meine Tochter völlig aufgelöst an. Das Team hätte ihr gesagt, ich hätte eine Erhöhung der Kalorienmenge gefordert und sie müsse nun wegen mir nur fette Sachen essen.

Wie bitte? Warum wird das mit der Patientin diskutiert? Wissen die nicht, dass sie damit nur Stress und Angst bei ihr auslösen?

Ende der Woche Termin bei den Psychologen. Man wisse nicht, woher das käme, nein, wir hätten wohl nichts falsch gemacht. Es könne bis zu 7 Jahre dauern, bis das besser wird. Wenn nicht, müssten wir uns nach einer betreuten Wohneinrichtung umsehen. Meine Welt brach zusammen.

 

Doktor: "Es könne bis zu 7 Jahre dauern, bis das besser wird"

 

Mein Mann fragte noch, wie hoch die Rückfallquote nach der "Behandlung" hier in der Klinik sei. O-Ton des Therapeuten: "Das wollen Sie gar nicht wissen…"

Nach 2 Monaten waren wir alle völlig am Ende. Meine Tochter hatte 3 kg zugenommen, aber begonnen, sich selbst zu verletzten. Die anderen Patientinnen waren noch schlimmer dran als sie, konnten teilweise gar nicht essen oder hatten sich noch schrägere Dinge angewöhnt.

Sie aß nun seit 2 Monaten nur noch mit anderen Anorexiepatienten. Jeden Tag das gleiche Essen, nur mittags gab es etwas Abwechslung.

Ablenkung gab es keine, während der Besuchszeit durfte man nicht einmal spazieren gehen, es gab keinen Aufenthaltsraum, nichts. Ach doch, abends durften die Mädchen Germanys Next Topmodel schauen. Ich saß nur noch da und schüttelte den Kopf. Das konnte so nicht richtig sein.

 

Ach doch, abends durften die Mädchen Germanys Next Topmodel schauen.

 

Ich war den ganzen Nachmittag nur noch damit beschäftigt, mein weinendes Kind am Telefon zu trösten. Die Fortschritte waren minimal und beschränkten sich auf ein bisschen Gewichtszunahme. Sie war völlig verstört, wir kannten sie bei jedem Besuch kaum wieder.

Die Therapiegespräche führen zu nichts, sagt sie. Sie fühlt sich nicht "im goldenen Käfig", hat nicht den Eindruck, wir wollten sie "kontrollieren". Sie fühlt sich nur noch schuldig.

Die Schwestern sagen zu ihr, sie nimmt den "richtig kranken Kindern" das Bett weg. Was???

 

Die Schwestern sagen zu ihr, sie nimmt den "richtig kranken Kindern" das Bett weg

 

Ich fange an zu lesen

 

Ich begann, mir sämtliche Literatur über Anorexie aus dem Internet zu bestellen. Natürlich landet man zunächst bei den deutschsprachigen Texten. Ich habe fast alles gelesen, uns aber nicht darin wiedergefunden.

Wir waren keine Problemfamilie. Wir haben unsere Tochter weder vernachlässigt,noch über behütet oder missbraucht. Sie wollte nie ein Model werden. Sie hat nicht einmal mit Barbies gespielt. Ich war verzweifelt. Nichts in diesen Büchern half mir weiter.

 

Wir waren keine Problemfamilie. Wir haben unsere Tochter weder vernachlässigt, noch überbehütet oder missbraucht. Sie wollte nie ein Model werden.

 

Dann plötzlich halte ich durch reinen Zufall ein völlig anderes Buch in den Händen.

Harriet Brown: Gramm für Gramm zurück ins Leben. Unsere Tochter besiegt die Magersucht.

Ich beginne zu lesen, kann nicht mehr aufhören. Ich rufe meinen Mann an, dann meine Tochter. Es gibt Hilfe. Es gibt eine Lösung. Das Zauberwort heißt FBT. Familienbasierte Therapie. Die Eltern sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung.

FBT hat 3 Phasen. In Phase 1 übernehmen die Eltern die Kontrolle über das Essen zu 100%. Bis das Gewicht wieder hergestellt ist. Dann beginnt Phase 2: Langsam wird nach und nach die Kontrolle an den Patienten zurück gegeben. Phase 3 hilft allen Familienmitgliedern, wieder ins "normale" Leben zurückzufinden. Das klingt alles plausibel.

 

Die Eltern sind nicht länger das Problem, sondern Teil der Lösung

 

Fieberhaft geben ich FBT in meinen Computer ein. Plötzlich erwacht er zu Leben, aber alles, was ich finde, ist in englischer Sprache. Ich bin geschockt, als mich mein 20 Jahre altes Schulenglisch lesen lässt, dass FBT in den angelsächsischen Ländern der Goldstandard bei der Behandlung von AN ist.

Nun gebe ich statt "Magersucht" "anorexia" ein. Ein völlig anderes Bild zeigt sich mir. Ich lese erstmals etwas von Genetik, Stoffwechselerkrankung, Problemen mit dem Blutzucker und dem Lipidhaushalt. Warum sagt mir das hier keiner?

Ich las alles, was mir über FBT in die Finger kam. Ich fand Eva Musbys wundervolles Buch.

Ich begann darüber nachzudenken, was ich in den letzten Monaten erlebt hatte.

Hatten wir unsere Tochter liebevoll dazu aufgefordert, ein hingestelltes Essen zu essen? Nein, das hatten wir nie versucht. Wir hatten es ihr zu lange überlassen, falsche Entscheidungen zu treffen. Erst in der Klinik hatten wir das gemacht. Am ersten Tag. Und es hatte sofort funktioniert.

Kann unsere Tochter gesund werden, wenn sie nur noch mit anderen Kranken zusammen ist/isst? Wenn Kalorien, Gewicht, Fett und Workout ständiges und einziges Thema sind? Warum dürfen wir nicht mit unserer Tochter essen? Wie soll das funktionieren, wenn sie wieder nach Hause kommt?

 

Warum dürfen wir nicht mit unserer Tochter essen? Wie soll das funktionieren, wenn sie wieder nach Hause kommt?

 

Beim nächsten Termin bin ich vorbereitet. Aber meine Fragen sind nicht erwünscht.

Die Kinder könnten erst entlassen werden, wenn sie zu 100% selbst für ihr Essen verantwortlich sind. Man soll sich als Eltern nicht einmischen, nicht die "Essenspolizei" spielen. Das Aufpäppeln zu Hause machen, so etwas hätten sie ja noch nie gehört. "Das können Sie nicht." Warum eigentlich nicht?

Der Super-Gau passierte in der folgenden Woche. Es soll mit der Gruppe gekocht werden, die Mädchen sollen Vorschläge machen. Meine Tochter wünscht sich Pizza.

PIZZA!!! Aber es wird abgewiesen, die Gruppe macht schließlich vegetarische Wraps. Ein typisches Anorexie-Essen, denke ich. Meine Tochter ist traurig, ruft mich an. Hat einen Riesenappetit auf Pizza. Ich vertröste sie auf den nächsten Besuchstag, verspreche, ihr Pizza vom Lokal gegenüber mitzubringen.

Wer je ein Anorexie krankes Kind hatte weiß, was es bedeutet, wenn das Kind Pizza essen will. Viele Eltern machen sehr viel später den "Pizza-Test", wie ich inzwischen erfahren habe, um den Fortschritt ihrer Kinder zu messen.

Kann sich jemand vorstellen, was passierte? Ich wurde von der Station verwiesen mit samt meiner Pizza. Wie ich auf die Idee käme, hier Essen mit zu bringen, und noch da zu so etwas "Ungesundes" wie eine fettige Pizza? Ich dachte nur noch, Du bist im falschen Film.

Das kann so nicht einen Tag weiter gehen. Es kann nicht sinnvoll sein, ein unterernährtes Kind daran zu hindern, freiwillig Pizza zu essen.

 

Es kann nicht sinnvoll sein, ein unterernährtes Kind daran zu hindern, freiwillig Pizza zu essen.

 

Ich habe mir die Finger blutig telefoniert, niemand wollte uns helfen. Das Krankenhaus wollte sie nicht ohne Anschlusstherapeuten entlassen, wissend, dass wir nicht vor 5-6 Monaten Wartezeit einen finden könnten.

Die Therapeuten wollten uns nicht helfen, unser Kind zu Hause "selbst zu therapieren". Wie vermessen zu glauben, man könnte ein Kind zu Hause füttern. Als ob wir das nicht 15 Jahre vorher auch schon einmal erfolgreich gemacht hätten…

 

Die Umstellung von der Klinik auf zu Hause

 

Dann kam uns wieder ein Zufall zu Hilfe. Auf der Maudsley Parents Seite fand ich eine Liste der zertifizierten FBT Therapeuten. Amerika, Australien, Europa… 2 Namen. Eine in Dänemark und eine in Deutschland. Meine Augen suchten fieberhaft den Ort. Er ist nur 50 km von uns entfernt. Ich schrieb eine Email. Schilderte unsere Lage. Und bekam Antwort. An einem Sonntag.

Sie hat Zeit, wir sollen nächste Woche kommen.

Wir holten unsere Tochter ab und fuhren hin. Ein völlig anderes Gespräch. Keine Ursachen- oder Schuldsuche. Der Blick ist nach vorn gerichtet. Sie schaffen das. Kennen Sie das Around-The-Dinner-Table-Forum? Nie gehört. Warum ist Ihre Tochter noch im Krankenhaus? Das fragen wir uns auch. Gibt es eine medizinische Notwendigkeit? Nein? Das wird unser Joker.

 

Ein völlig anderes Gespräch. Keine Ursachen- oder Schuldsuche. Der Blick ist nach vorn gerichtet.

 

Die Klinik will sie natürlich nicht entlassen. Macht uns ein schlechtes Gewissen. Versucht uns zu verunsichern. Null Unterstützung. Wir spielen den Joker aus. Nein, es gibt wohl keine medizinische Notwendigkeit, Herz und alles andere ist o.k.

Wir holen unsere Tochter übers Wochenende nach Hause und kündigen die Entlassung für nächste Woche an.

Das Team macht uns inzwischen bei den anderen Mädchen und ihren Eltern schlecht, schließt Wetten ab, wann unsere Tochter wieder zurück kommt. Um es vorweg zu nehmen: sie hat die Klinik nie wieder betreten.

 

Zu Hause

 

Die Umstellung von der Klinik auf zu Hause war nicht ganz leicht.

Nach monatelangem Essen nach Plan und totaler Fremdbestimmung wollte unsere Tochter mehr Abwechslung, mehr Selbstbestimmung. Mit der FBT Therapeutin verabredeten wird, direkt mit dem Übergang von Phase 1 nach Phase 2 zu beginnen. Ein bisschen zu früh, wie ich heute weiß. Die restlichen fehlenden Kilos wären einfacher gewesen mit Phase 1.

Wir machten einen Plan. 5 Mahlzeiten zu den selben Zeiten wie in der Klinik. Mittagessen wird "geplated", dass heißt fertig aufgetischt. Die anderen Mahlzeiten werden festgelegt, aber sie darf sich selbst nehmen und Geschmacksrichtungen (z.B. beim Joghurt) frei auswählen. Rückkehr in die Schule sobald möglich. Ab 90 % Gewicht darf wieder langsam Sport gemacht werden. Bei 100 % bezahlen wir den Führerschein mit 17.

Das ist der Deal. Und es funktioniert. Mit Liebe und Geduld.

Es war ein Weg mit viel Versuch und Irrtum. Ich meldete mich im ATDT Forum an und ärgerte mich noch am selben Tag, dass ich mich wegen der blöden Sprache nicht früher getraut habe. So viele nette Eltern aus aller Welt. Alle haben das gleiche erlebt. Endlich versteht einer, was hier los ist. Und ein sinnvoller, konkreter Tipp folgt dem anderen. Habt ihr die Schlüssel alle abgezogen? Kontrolliert ihr, dass sie nicht erbricht oder heimlich Sport macht? Wie behandelt ihr "Fear-Food"? Ich lerne und lerne und lerne…

 

Das Geheimnis darin besteht, hochkalorisches Essenzu servieren

 

Nach 2 Wochen weiß ich, welches die Produkte mit den meisten Kalorien in unserem Supermarkt sind und dass das Geheimnis darin besteht, hochkalorisches Essen in kleinen Mengen zu servieren.

Dass ich sie aus der Küche fernhalten und nicht zu Einkaufen mitnehmen sollte (zu viel Stress).

Dass Ablenkung das A und O ist. Wir essen also vor dem Fernseher. Früher verboten, aber jetzt super. Regeln sind dazu da, verändert zu werden.

 

Ablenkung das A und O ist

 

Wir luden ihre Freunde ein, versuchten das "richtige Leben" wieder zu entdecken.

Nach einem Gespräch mit der Schulleitung kam sie mit reduziertem Stundensatz in ihre alte Klasse zurück. Die Lehrer haben sie wunderbar unterstützt und sie konnte das Schuljahr erfolgreich beenden und wurde problemlos versetzt.

 

Heute

 

Und heute? Nach 12 Monaten hält sie ihr Zielgewicht nach wie vor ohne Probleme. Wir passen auf, dass sie sich an die Regeln hält, aber bisher ist von Rückfall zum Glück nichts zu sehen.

Sie isst öfter mal außer Haus mit ihren Freunden, meist noch etwas weniger, als sie sollte, aber das gleicht sich dann zu Hause wieder aus.

Sie isst weniger restriktiv, kann wieder fast alles Essen, was sie auch vorher gegessen hat. Am Rest arbeiten wir noch.

Sie braucht immer noch eine hohe Kalorienzahl, um das Gewicht nur zu halten und muss immer noch alle 4-5 Stunden essen, um den Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Das wird sich auch so schnell nicht ändern.

 

Sie braucht immer noch eine hohe Kalorienzahl, um das Gewicht nur zu halten und muss immer noch alle 4-5 Stunden essen.

 

Aber sie ist wieder das fröhliche, intelligente und liebenswerte Mädchen, das wir vorher kannten. Die Traurigkeit und die Angst sind fast verschwunden. Sie fährt prima Auto 😉

Der Rest braucht Zeit.

Man sagt, dass Gehirn braucht mindestens so lange, um zu heilen, wie es unterernährt war. Mit Stress kann sie noch nicht so gut umgehen. Mittlerweile ist aber die Einsicht da, dass sie krank ist und auf sich aufpassen muss.

Wir haben wieder ein gutes Verhältnis miteinander. Sie weiß, dass wir sie nicht hängen lassen. Egal was kommt.

 

Sie weiß, dass wir sie nicht hängen lassen.

 

Geben Sie bitte nicht auf

 

Also, wenn Ihr Kind Anorexie oder eine andere Essstörung hat, geben Sie bitte nicht auf.

AN ist eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung. Das weiß man seit über 10 Jahren, aber vielleicht hat Ihnen das auch noch niemand gesagt.

Bitte lesen Sie Harriet Browns Buch und trauen Sie sich an Eva Musbys Buch heran. Es wird Ihr Leben verändern und vielleicht Ihr Kind retten. So wie unsere Tochter.

Refeeding zu Hause ist möglich und nachgewiesenermaßen sehr erfolgreich.

 

Meine Tipps

 

  • Wenn Sie auch nur ein kleines bisschen Schulenglisch parat haben, melden Sie sich bei Around-The-Dinner-Table forum (ATDT) an.
  • Hinterfragen Sie die Behandlung hier. Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Fragen Sie nach FBT.
  • Lassen Sie sich nicht von Ihrem Kind distanzieren. Sie haben nichts falsch gemacht.
  • Bestehen Sie darauf, dass Ihr Kind blind gewogen wird und Gewichtszahlen und Kalorienmengen nicht mit ihm diskutiert werden.
  • Bestehen Sie darauf, dass Sie die Verantwortung für das Essen übernehmen.
  • Holen Sie sich Hilfe bei Ihrem Kinderarzt oder Allgemeinmediziner. Die Gesundheit Ihres Kindes muss überwacht werden, insbesondere muss zu Beginn des Aufpäppelns das Blut auf das seltene, aber erst zu nehmende "Refeeding Syndrom” untersucht werden, da es eine schwerwiegende Nebenwirkung sein kann.
  • Wenn Sie es sich finanziell irgendwie leisten können, machen Sie Skype-Sitzungen mit einem FBT Coach, am besten mit einem zertifizierten FBT-Therapeuten.
  • Schaffen Sie ihr Kind aus der Küche und nehmen Sie es nicht mit zum Einkaufen.
  • Kochen Sie vor und tischen Sie fertige Teller einfach auf. "Das ist Dein Essen." Diskussionen führen zu nichts.
  • Versuchen Sie so viele Kalorien wie möglich in eine kleine Portion zu packen.
  • 500 g – 1 kg Gewichtszunahme pro Woche sind das Ziel. Es dauert eine Weile, bis man raus hat, wie.
  • Haben Sie Geduld. Liebe und Anteilnahme sind das Geheimnis. Kein Kampf am Tisch. Gut zureden, zureden, zureden. Nicht nachgeben. Essen ist nicht verhandelbar.
  • Sie können sagen: "Komm, nimm die Gabel in die Hand"; " Versuche mal diese Kartoffel zu essen"; "Du schaffst das"; "Jetzt ein Stück Karotte"; "Und noch eine Kartoffel"; "Ja, Du musst das essen"; "Vertrau mir"; "Wenn Du fertig bist, können wir in den Zoo gehen / den Film gucken / Computerspiele machen."

 

Essen ist nicht verhandelbar.

 

Machen Sie es unmöglich, nicht zu essen. Egal wie lange es dauert. Egal was für ungewöhnliche Maßnahmen nötig sind.

Füttern Sie wenn nötig mit dem Löffel. Essen Sie unter dem Tisch. Vor dem Fernseher. Im Auto. Setzen Sie einen lustigen Hut auf. Was auch immer nötig ist.

Geben Sie nicht auf. Ihr Kind ist hinter der Krankheit verborgen. Sie bekommen es zurück.

 

Update Frühling 2019

 

Es sind nun 2 Jahre vergangen, seit wir unsere Tochter nach Hause geholt haben.

Es war die beste Entscheidung unseres Lebens. Es geht ihr sehr gut. Sie hält jetzt seit 1,5 Jahre ohne Probleme ihr Gewicht, kann wieder alles Essen.

Sie trifft gute und ausreichende Entscheidungen für Mahlzeiten und Snacks. Sie geht seit 6 Monaten an die Uni und kann dort ohne Probleme in der Mensa essen. Sie ist ausgeglichen und fröhlich, hat neue Freunde gefunden. Sie hält sich an alle Regeln und Abmachungen und so langsam haben wir das Gefühl, dass das Leben nach der AN begonnen hat.

Es ist alles noch neu und wir halten weiterhin die Luft an aber wir sind zuversichtlich, dass es so weitergeht.

 

Pilotstudie zur Wirksamkeit von FBT an der Charité...

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