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Wie bringe ich mein Kind zum Essen?

Es ist nicht so, dass unsere Kinder nicht essen wollen, sie können es nicht.

Eine Essstörung macht Essen wirklich furchtbar. Dein Kind ist nicht stur: Es ist voll von furchteinflößenden Gedanken und Empfindungen, wenn es mit Essen konfrontiert wird. Vielleicht hält Deinem Kind ein "innerer Tyrann" eine Pistole an den Kopf und schikaniert es, um es einzuschüchtern. Solange es nicht isst, verschafft sich Dein Kind eine kurze Pause von der Panik und der Angst, die es fühlt.

Als liebende Mutter oder als liebender Vater kannst Du es Deinem Kind ermöglichen, trotz seiner Angst zu essen.

Wenn Du dich verurteilend verhälst, Deinem Kind Schuld an seinem Verhalten gibst, wenn Du panisch oder aggressiv bist, dann machst Du es Deinem Kind schwerer zu essen. Das vegetative Nervensystem Deines Kindes gerät immer mehr in den "Kampf-, Flucht- oder Totstell-Modus". Das vegetative Nervensystem kann nicht bewußt gesteuert werden.

Deine Hilfe besteht darin, die Verantwortung zu übernehmen und Dein Kind mit ruhiger, liebevoller Zuversicht zu unterstützen. Selbst während Dein Kind gegen Dich kämpft, gibt es einen Teil in ihm, der verzweifelt hungrig und schwach ist, der sich nach Essen sehnt, der Angst vor dem Zustand hat, in dem er sich gerade befindet, der verwirrt ist und der sich nach Wohlbefinden sehnt.

Deshalb sind die Mahlzeiten in der Regel erfolgreicher, wenn die Eltern komplett die Verantwortung für das Essen übernehmen.

Wenn Dein Kind an vermeidender/restriktiver Nahrungsaufnahme (ARFID) oder einer Autismus-Spektrum-Störung (ASD) leidet, dann ist wahrscheinlich nicht alles aus diesem Artikel anwendbar. Besprich das bitte mit Deinen Spezialisten.

Benutze direkte Aufforderungen

Der Verstand Deines Kindes ist voll von lärmenden Widersprüchen. Durchbrich die Verwirrung, indem Du klare, direkte Aufforderungen gibst, wie zum Beispiel

  • Fang mit den Nudeln an, mein Liebling.
  • Nimm jetzt Deine Gabel.
  • Iss weiter.
  • [Bewege den Teller auf Dein Kind zu, biete ihm eine Umarmung an, füttere es mit dem Löffel, setze Dich nah zu ihm.]
  • Mein Schatz, mach weiter mit den Nudeln.
  • Nimm noch einen Bissen, mein Schatz.
  • Und noch einen.
  • Ja, ich möchte, dass Du das jetzt nimmst.
  • Mach die Bissen jetzt größer.
  • Ich sehe, dass Du Dein Essen zermatschtst. Bitte mach das nicht. Iss jetzt weiter, Liebes.

Biete auch Ablenkung an, oder vielleicht benötigt es Stille und Empathie. Aber wiederhole alle paar Minuten eine direkte Aufforderung, wenn Dein Kind nicht isst.

 

Was kannst Du sonst noch sagen?

Bis Du Deinen eigenen Stil gefunden hast, hier ein paar weitere Vorschläge, die oft helfen:

  • Vertraue mir.
  • Ich bin bei Dir. Ich bin auf Deiner Seite. Ich werde dir weiter helfen.
  • Es ist okay. Es ist sicher. Es ist völlig in Ordnung. Du schaffst das.
  • Ja, das ist es, was du brauchst.
  • Nur noch ein paar Bissen. Wenn dein Teller leer ist, dann können wir gehen und [lustige Aktivität]
  • Ich glaube/fühle/stelle mir vor, dass das sehr schwer für Dich ist. Das tut mir sehr leid. Nimm jetzt noch einen Bissen.
  • Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das jetzt ist. Das hast Du schon eine Weile nicht mehr gegessen. Nimm noch einen Bissen.
  • Es tut mir wirklich leid, dass Dein Bauch weh tut. Lass uns 2 Minuten lang entspannen/durchatmen [und dann weitermachen].
  • Konzentrier Dich auf einen Bissen nach dem anderen (wenn Dein Kind verhandeln will)


Das hier funktioniert bei manchen, bei anderen nicht. Experimentiere!

  • Du brauchst das, damit Du Energie hast, um die Sachen zu machen, die Du gerne tust.
  • Sobald Du gegessen hast, machen wir [lustige Aktivität].
  • Denk daran, wie wichtig Dir die Reise im nächsten Monat ist!
  • Nicht-Essen ist nicht möglich. Mach weiter.
  • Ich vermute/fühle/ glaube, dass Du Dich [so und so] fühlst. Ist das so? Es tut mir sehr leid. Das ist normal in diesem Stadium. Es wird vorbeigehen. Das wird leicht und einfach werden. Und jetzt mach weiter mit den Nudel, Süsse.
  • Das Essen ist Deine Medizin (kann predigend und unsympathisch klingen)


Die folgenden Punkte sind in der Regel nicht hilfreich, um während eines Essens darüber zu sprechen. Mach Dir keine Vorwürfe, wenn Du sie benutzt hast. Keiner von uns hat das gewußt, bis wir es gelernt haben.

  • Was willst Du essen?
  • Iss einfach, was Du schaffst/die Hälfte.
  • Willst Du noch mehr? (Wenn Dein Kind noch nicht genug zu Essen hatte, dann gib ihm mehr)
  • Es ist schwer, aber Du musst es essen! (Viel mehr unterstützend ist: "Es ist schwer und gleichzeitig musst Du es leider essen")
  • Versuch es zu essen! (Dein Kind soll es nicht "versuchen" zu essen, sondern es essen.)
  • Da sind nur x Kalorien drin und Dein Körper verbraucht y Kalorien nur zum Schlafen.
  • Es ist genau dasselbe wie beim letzten Mal.
  • Ich habe es gewogen/die Kalorien überprüft/keine Butter hinzugefügt.
  • Lass mich erklären, warum Kohlenhydrate so wichtig für Dich sind.
  • Aber Du bist nicht fett!
  • Du musst zunehmen!
  • Dein Bauch tut weh, weil Du nicht genug isst.
  • Andere werden fett, weil [...] und das wird Dir nicht passieren.
  • Wenn Du nichts isst [...] (Wechsele zu "Wenn Du gegessen hast...")
  • Wenn Du nicht essen, dann [Horrorszenarien, die die Kampf-oder-Flucht-Reaktion erhöhen]
  • Du ruinierst unser Leben/Du bist egoistisch/Du versuchst es ja nicht einmal!
  • Iss einfach!!!!
  • Du bist verantwortlich, ich kann dich nicht zwingen zu essen! Es muss von dir kommen.
  • Mir ist das egal, ich gebe auf!
  • Ich hasse Deine Essstörung! Ich rede nicht mit der Essstörung! (Dann trennst Du die Essstörung nicht von Deinem Kind, Stichwort: Externalisierung)
  • Gut gemacht! (Lob während einer Mahlzeit kann bei Deinem Kind widersprüchliche Gefühle und Reue hervorrufen)

 

Ablenkung

Zwischen und während Deinen direkten Aufforderungen zum Essen: redet über lustige Dinge, schaut Fernsehen, spielt Spiele. Pausiere die Ablenkungsaktivitäten sofort, wenn Dein Kind aufhört zu essen. Mach erst weiter, wenn es wieder isst. Ablenkung funktioniert, weil sie die ängstlichen oder selbstzerstörerischen Gedanken Deines Kindes unterbricht.

Wenn Dein Kind damit beschäftigt zu sein scheint, sich für den nächsten Bissen bereit zu machen, dann können ein oder zwei Minuten Stille oft helfen. Wenn nicht, dann gib weiter direkte Aufforderungen.

Plane auch etwas Ablenkung vor und nach den Mahlzeiten ein, wenn Dein Kind (vorher) voller Angst oder (danach) voller Selbstvorwürfe ist.

 

Güte und Freundlichkeit

Güte und Freundlichkeit sind Deine besten Werkzeuge, um dem überdrehten Nervensystem Deines Kindes zu signalisieren, dass keine Gefahr besteht. Dass es aus seinem Kampf-, Flucht- oder Totstellzustand heraus kommen kann. Du machst es ihm ein wenig leichter, zu essen (obwohl es Deine Aufgabe ist, Deinem Kind auch dann beim Essen helfen, wenn es Angst hat).

Das vegetative Nervensystem reagiert auf Berührungen, den Tonfall Deiner Stimme, Deine Körpersprache. Wenn Dein Kind es Dir erlaubt, dann lege einen Arm um es (Du musst vielleicht prüfen: "Darf ich deine Hand halten, Schatz?").

Benutze eine liebevolle Stimme und Körpersprache. Versuche, ruhig und selbstbewusst zu wirken (täusche es vor, bis Du es schaffst: Fake it until you make it!). Sage freundliche Dinge, die zeigen, dass Du auf der Seite Deines Kindes bist, und gib ihm keine Schuld.

 

Mitfühlende Beharrlichkeit

Du kannst freundlich und hartnäckig sein. Es ist nicht gut, sein Kind ohne die Nahrung, die es so sehr braucht, gehen zu lassen. Es ist nicht förderlich, Dein Kind in dieser Hölle zu lassen, weil Du sowohl Angst hast, durch sie hindurchzugehen, als auch aus ihr herauszukommen.

Hör nicht auf, nur weil Dein Kind gegen Dich kämpft oder weil es weint und zittert. Benutze weiterhin alle Hilfsmittel, um einen weiteren Bissen zu erreichen. Dann noch einen weiteren. Eine Essstörung wird mit einem (schmerzhaften) Bissen nach dem anderen überwunden, trotz all der Angst.

Menschen, die gesund geworden sind, haben später berichtet, dass sie damals trotz ihres Widerstandes insgeheim erleichtert waren, dass man sie zum Essen zwang, weil sie so schwach, hungrig und verängstigt waren.

 

Verwende keine Logik

In seinem Zustand der Angst und Vermeidung wird Dein Kind viele Fragen stellen und viele Argumente vorbringen. Es ist ganz normal, dass man sich da hineinziehen lässt und anfängt, viele Informationen und logische Gründe zu geben, warum es nun essen muss. Wenn Logik funktionieren würde, dann hätten unsere intelligenten Kinder keine Essstörung! Logische Argumente haben selten eine Auswirkungen auf ein Gehirn, das sich in einem Zustand kompletter Angst befindet.

Dieses Video soll Dir das noch einmal verdeutlichen:

 

Soll ich mit einfachen Mahlzeiten beginnen?

Wenn dein Kind abgenommen hat, dann hat eine schnelle Gewichtszunahme jetzt die höchste Priorität. Wenn du langsam angefangen hast, dann steigere die Energiezufuhr schnell. Versuche, den Ernährungsbedarf durch eine schnelle Einbeziehung aller Nahrungsmittelkategorien zu decken, auch wenn Dein Kind Angst vor Fetten oder Kohlenhydraten hat. Sobald du mit dem Aufpäppeln einigermaßen zurechtkommst, werden sich deine Prioritäten auf die weitere Gewichtszunahme und auf die Erhöhung der Nahrungsvielfalt verlagern.

 

Wenn es nicht funktioniert

Das Aufpäppeln ist normalerweise am Anfang am schwierigsten, oder wenn man angstbesetzte Lebensmittel und Essen einführt. Einige junge Menschen geben nach einigen Tagen oder Wochen den Widerstand weitestgehend auf, es ist oft sogar eine versteckte Freude am Essen spürbar. Dein Kind stöhnt dann: "Muss ich das essen?" und Du sagst einfach "Ja" und es isst ohne weiteren Widerstand.

Wenn Du innerhalb von ein paar Wochen Dein Kind nicht dazu bewegen kannst, genug für eine Gewichtszunahme zu essen (wenn es abgenommen hat), dann brauchst Du unverzüglich mehr professionelle Unterstützung. Es ist nicht Dein Versagen: Du hast noch nicht die richtige Unterstützung für die Art und Weise erhalten, wie Dein Kind von der Essstörung betroffen ist. Sei offen für einen kurzen Krankenhausaufenthalt, um Dein Kind wieder zum Essen zu bewegen. Übernimm dann so schnell wie möglich wieder die Verantwortung.


Der Beitrag erschien in englischer Originalfassung am 18.03.2020 unter https://www.feast-ed.org/tips-for-helping-your-child-to-eat

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und von FEAST.

 

 
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