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Wie es mir heute geht

Mittlerweile sind über sechs Jahre vergangen und ich bin an dem Punkt angekommen, wo ich sagen kann, ich bin gesund und ich habe eigentlich alle Ziele erreicht, die damals auf meiner Liste standen. Damals hat meine Mutter mir, nach monatelangen wenig hilfreichen Klinikaufenthalten, zuhause mit FBT aus der Magersucht herausgeholfen. Ich kann essen, was ich will. Ich kann wieder lachen. Ich habe wieder ein ausgefülltes soziales Leben. Ich finde die richtige Balance im Leben. Ich kann mich annehmen, wie ich bin.

Der Schritt ins Studium, also in die Selbstständigkeit, war ein sehr wichtiger für mich. Natürlich war er mit einer gewissen Spannung verbunden (von meiner Seite, aber auch vonseiten der Familie). Aber ich war mir sicher, dass ich es irgendwie schaffen würde. Mir tat der Abstand zu dem gewohnten Umfeld gut.

In der neuen Großstadt, in der ich nun seit zwei Jahren wohne, weiß so gut wie niemand von meiner Vergangenheit, nur meine engsten Freunde. Nicht, weil ich es verstecken will, oder mich dafür schäme. Aber ich wollte mich davor schützen, ein "Magersuchts-Image" erfüllen zu müssen. Wenn ich weiß, dass die Menschen, denen ich begegne, nichts von meiner Geschichte und Problematiken wissen, dann fühle ich mich viel freier, "normal" zu sein.

Natürlich hatte (und habe) ich immer noch gewisse Baustellen. Aber ich habe gemerkt, dass sich diese mit der Zeit ganz automatisch auflösen, ohne dass ich mich groß damit befassen muss. Meistens war es so, dass ich durch "normale Umstände" zu gesunden Verhaltensweisen gezwungen wurde. Jetzt war es nicht mehr die Mama oder Therapeutin, die mir sagt, was ich machen/unterlassen soll. Sondern es hat sich einfach so "aus dem Leben" ergeben. Einige Beispiele:

  • Letzten Sommer bin ich mit meinem Freund und einigen anderen Freunden auf Urlaub nach Kroatien gefahren. Badeurlaub - das bedeutete für mich, dass ich mir nach vielen Jahren mal wieder einen Bikini kaufen musste (schwierig!!), und dann im Urlaub mich und meinen Körper den anderen zeigen musste. Auch, wenn es herausfordernd war: Es war keine Frage für mich, dass ich das nicht tue. Ich wollte nicht auffallen, indem ich nicht schwimmen ging. Das wäre krankhaft gewesen. Deshalb habe ich mich in den Kampf gestürzt und gewonnen. Nachdem wir nun im Laufe des Jahres öfter schwimmen gegangen sind, bin mittlerweile ICH diejenige, die vorschlägt, zum Baden an den See zu gehen.

  • Aufgrund von Corona war ich "gezwungen", sechs Wochen mit meiner Schwester zusammen zu leben. Eigentlich habe ich mich seit vier Jahren von ihr abgeschirmt, weil sie mir/der Krankheit ein Dorn im Auge war und ich mich immer mit ihr verglichen habe. Aber durch Corona konnte ich ihr nicht ausweichen. Anfangs war das wirklich schwierig. Doch nach einer Woche hat es bei mir "klick" gemacht und wir haben in der Zeit eine neue Beziehung aufgebaut und uns wieder gefunden. Jetzt habe ich kein Problem mehr, mit meiner Schwester auf engem Raum und auf längere Zeit zusammen zu leben.

  • Lange Zeit fiel es mir schwer, zwischendurch eine Kleinigkeit zu essen. Dann aber habe ich angefangen zu realisieren, dass es nur von Vorteil ist, wenn ich z.B. vor meinem Klavierunterricht einen Schokoriegel esse. Dann habe ich viel mehr Kraft und Konzentration beim Spielen und bin mit meinem Ergebnis viel zufriedener. Seitdem ist der Schokoriegel zwischendurch eine Selbstverständlichkeit.


Außerdem ist es die Anerkennung/Wertschätzung, die ich von meinem Freund erfahre, die sehr viel Positives in mir auslöst und dazu führt, dass ich mich selbst besser annehmen und lieben kann.

Ich denke im Laufe der Zeit immer weniger an die Krankheit, weil mich das Leben rundherum ablenkt und auf andere Gedanken bringt. Ich liebe das Leben und meinen Alltag. Es ist schön, mich selbst – also die richtige Amelie - zu erleben und immer mehr aufblühen zu sehen. Die Krankheit bekommt immer weniger Stellenwert und Wichtigkeit.

Mittlerweile verstehe ich, wie wichtig Essen ist, und dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob ich genug esse oder nicht.

 

 

 

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