Family Based Treatment (FBT)
als effektiver Ansatz zur Behandlung von Anorexie und anderen Essstörungen

 

Behandlung von Anorexie und anderen Essstörungen

Es gibt inzwischen weltweit unzählige Kinder die an einer Essstörung erkrankt waren, und denen FBT geholfen hat wieder gesund zu werden.

Denen ein jahrelanges Ein- und Ausgehen in psychiatrischen Einrichtungen oder ein früher Tod erspart geblieben ist, wie es im deutschsprachigen Raum leider noch viel zu oft der Fall ist.

 

Weltweit bekannt und im Einsatz als Behandlungsmethode für Essstörungen

Im angelsächsischen Sprachraum (Großbritannien, USA, Kanada, Australien, Neuseeland) ist FBT als effektiver Behandlungsansatz in den letzten 30 Jahren zu einem Standard bei Essstörungen geworden.

FBT wird auch Maudsley Methode (Maudsley approach) genannt, weil die Behandlungsmethode in den 70er und frühen 80er Jahren ursprünglich am Maudsley-Hospital in London von Prof. Gerald Russel, Dr. Ivan Eisler und Dr. Christopher Dare entwickelt wurde. Sie erkannten auch als Erste die Bedeutung einer schnellen und effizienten Wiederherstellung des Gewichts als ersten Schritt zur Genesung.

Ursprünglich wurde die Methode zur Behandlung von Anorexie bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren entwickelt.

FBT und Maudsley Methode können als Synonym verwendet werden.

Inzwischen gibt es auch eine nachgewiesenermaßen auch sehr erfolgreiche Variante zur Anwendung bei Bulimie (FBT-BN), eine modifizierte Variante für junge Erwachsene bis 25 Jahre (FBT-tay, transition age youth) und ein Programm für Erwachsene: MANTRA (Maudsley Anorexia Treatment for Adults).

"The New Maudsley Approach" ist kein eigenständiger Behandlungsansatz oder eine neue Variante des ursprünglichen Maudsley Ansatzes. Er stellt zusätzliche Ressourcen für Eltern, Pflegekräfte und Ärzte als Ergänzung zu einer Behandlung bereit. Hauptziel ist es, Stress abzubauen und Familie und Pflegekräfte zu stärken. Besonderes Augenmerk erhalten hier erwachsene Patienten Patienten, die an Bulimie erkrankt sind. Entwickelt wurde und wird die Methode am Maudsley Hospital unter der Führung von Prof. Janet Treasure.

 

Stand der empirischen Forschung

In den USA wird die Methode unter dem Namen FBT vor allem von Prof. Daniel Le Grange und Dr. James Lock, die das FBT Manual (bisher leider nur auf Englisch erhältlich) ausgearbeitet haben, seit über 20 Jahren weiter entwickelt und erforscht.

Generell bricht FBT mit der bis dato vorliegendenen Lehrmeinung, dass bei Essstörungen generell eine pathologische Eltern-Kind-Beziehung vorliegt und die Gründe für die Essstörung in einer dysfunktionalen Familienstruktur zu suchen sei. Eltern werden vielmehr als größte Ressource im Kampf des Kindes gegen die Magersucht gesehen, da es ihm ohne Hilfe nicht möglich ist, sich gegen diese übermächtige Krankheit zu wehren. 

Bisher liegen insgesamt 12 randomisierte Studien vor, die die Wirksamkeit von FBT empirisch bestätigen.

In einer der größten randomisierten kontrollierten Studie der Universitäten Chicago und Stanford mit 120 Jugendlichen hat man FBT mit konventioneller Einzeltherapie verglichen. FBT hat sich (mit großem Abstand) dabei als effektivste und effizienteste Behandlungsmethode gezeigt. Eine Liste der wichtigsten Forschungsergebnisse werden wir hier in Kürze veröffentlichen. Leider liegen diese zum Großteil bisher nur in englischer Sprache vor.

FBT hat seine Grundlagen in den Ergebnissen aktueller Forschungsergebnisse der Neuropsychologie und Gehirnforschung. Bei Interesse kannst Du viel mehr darüber hier nachlesen: Neurobiologie einer Essstörung (Broschüre/FEAST).

Die besten Behandlungsergebnisse können nachgewiesenermaßen erzielt werden, je kürzer der Krankheitsverlauf ist. Erkrankte junge Menschen mit einem Krankheitsverlauf von weniger als 3 Jahren haben bessere Chancen auf eine Genesung. Je länger die Krankheit andauert, desto schlechter sind die Prognosen. Schnelles und energisches Handeln ist deshalb gefragt.

Ebenfalls positiv auf den Genesungsprozess scheint sich eine schnelle Gewichtszunahme auszuwirken: Eine durchschnittliche Zunahme von 0,5kg oder mehr in den ersten Wochen der Behandlung verbessern das Behandlungsresultat langfristig positiv.

Zusätzlich lässt sich feststellen, dass das Alter des erkrankten Menschen einen Einfluss auf die Genesungschancen hat: je jünger ein Kind erkrankt, desto höher ist die Chance auf eine vollständige Genesung bei richtiger Behandlung.

 

Der lange Weg zurück ins Leben aus der Magersucht

FBT (family based treatment) wird im Allgemeinen mit "familienbasierte Therapie" ins Deutsche übersetzt. Dieser Begriff ist leider ein wenig irreführend. FBT hat nicht wirklich etwas mit der klassischen systemischen Familientherapie zu tun.

Es handelt sich um eine eigenständige Behandlungsmethode zur Heilung einer Essstörung, in erster Linie einer Anorexie-Erkrankung. Es handelt sich nicht um eine Therapie im herkömmlichen Sinne, sondern eher um eine ganzheitliche Behandlung im sicheren häuslichen Umfeld. Der englische Begriff "familiy based treatment" kommt dem viel näher.

Man geht bei einem FBT home treatment von einer Behandlungsdauer von 12-18 Monaten aus. Schon ab den ersten Tagen können täglich kleine erstaunliche Fortschritte beobachtet werden, die Hoffnung schöpfen lassen und die Gesamtsituation merklich verbessern.

Je nach Ausgangszustand des Kindes und bei konstanter und schneller Gewichtszunahme treten nach wenigen Wochen die ersten rapiden Verbesserungen des Gesundheitszustandes ein.  

Die Gesundung von einer Anorexie ist aber insgesamt ein sehr langwieriger Prozess.

Im besten Fall sind betroffene Kinder und Jugendliche nur zum allerersten Gewichtsaufbau in einer stationären Behandlung. Danach folgt ein mehrmonatiges home treatment durch nahe Bezugspersonen im häuslichen Umfeld, in der Regel durch die Familie.

 

Die Behandlung erfolgt durch nahe Bezugspersonen im häuslichen Umfeld

Für die Behandlung im häuslichen Umfeld sollte ein Erwachsener komplett rund um die Uhr Zeit für das traumatisierte Kind und für die Bemühungen zum Gesundwerden zu haben.

Dafür ist in vielen Fällen nötig, dass ein Elternteil sich für einige Monate beim Arbeiten abmelden, um sich permanent um die Verbesserung des Gesundheitszustandes des Kindes kümmern und alle Mahlzeiten begleiten zu können.

Bei den meisten der Behandlungen sind die ersten Wochen sehr aufwühlend und schwierig. Vor allem, wenn ein Kind nach wochen- oder monatelangen Klinikaufenthalten endlich wieder zuhause ist. Es lohnt sich, sich vor allem in den ersten Wochen sehr intensiv einzubringen, da gerade am Anfang viele positive Veränderungen erfolgen können. Die Intensität und der Aufwand der Behandlung nimmt im Laufe der Zeit ab.

In Deutschland gibt es mit der Pflegezeit einen guten rechtlichen Rahmen um dies zu realisieren.

 

Hilfe und Unterstützung durch einen FBT Coach

Die Betreuung der Bezugspersonen erfolgt durch einen qualifizierten Coach, im besten Fall durch einen zertifizierten FBT Therapeuten.

Es geht darum, dass bei pflegenden Angehörige die Kompetenz aufgebaut wird, sich selbst um das Wohl des Kindes kümmern zu können. Der Therapeut ist der Spezialist für die Krankheit, die Eltern sind die Spezialisten für das Kind.

FBT verfolgt dabei einen 'agnostischen' Ansatz. Im Mittelpunkt steht nicht die Suche nach Auslösern oder Ursachen der Erkrankung, sondern die schnelle Genesung des erkrankten jungen Menschen.

Die klassische FBT Behandlung sieht eigentlich (vor allem zu Beginn der Behandlung) Treffen mit Eltern, Geschwistern und dem erkrankten jungen Menschen vor. Unter anderem gibt es zu Beginn der Behandlung auch ein 'Familienmahl', bei dem der FBT Therapeut einen Einblick in eine konkrete Essenssituation der Familie erhält.

In den letzten Jahren wurde in Melbourne am Royal Children's Hospital eine Variante von FBT entwickelt und erforscht: PFT (parent focused therapy).

In Studien hat sich PFT als mindestens ebenso erfolgreich erwiesen wie FBT selbst. Bei dieser Variante betreut der FBT Therapeut den Patienten und Geschwister nicht selbst persönlich, sondern nur die Eltern. Der Patient wird durch medizinisches Fachpersonal regelmäßig gewogen, untersucht und befragt.

Es gibt aktuell fast keine deutschsprachige FBT Therapeuten und fast keine FBT Therapeuten im deutschsprachigen Raum. Die Möglichkeit einer FBT Therapie vor Ort und in deutscher Sprache ist also im Normalfall aktuell nicht gegeben.

Eine gute Option ist ein Online-Coaching durch einen englischsprachigen FBT Spezialisten. Er oder sie wird einfache Sätze bilden und versuchen die Sprachbarriere so gering wie möglich zu halten.

Die Sitzungen mit dem Coach werden dann per Video- oder Telefonkonferenz durchgeführt, eine weitere Betreuung der Bezugspersonen durch den Coach erfolgt per Telefon und/oder Email.

Persönliche Treffen zu Beginn sind bestimmt von Vorteil, wenn sich dies realisiert lässt. Bei einer Online-Betreuung wird ein seriöser Coach auf eine parallele medizinische Überwachung des Kindes bestehen, z.B. durch den Kinderarzt vor Ort.

 

Unterstützung durch Kranken- und Pflegekassen

Leider gibt es kaum einen finanziellen Ausgleich für den anfallenden Verdienstausfall, wenn ein Elternteil über mehrere Monate nicht arbeiten gehen kann.

Es gibt in Deutschland die Möglichkeit, über die Ausstellung eines Pflegegrads für das Kind einen monatlichen Betrag von der Pflegekasse, sowie ein zinsfreies Darlehen als Unterstützung zu erhalten.

Ausgaben für eine FBT Behandlung werden generell nicht durch die Kassen unterstützt, da FBT in Deutschland keine anerkannte Therapieform für Esstörungen ist.

 

Im deutschsprachigen Sprachraum:
Behandlungsmethode FBT bei Anorexie noch weitestgehend unbekannt

FBT ist als effektive Behandlungsmethode gegen Anorexie in Deutschland nicht bekannt ist und findet kaum Anwendung.

Die Methode ist in der Patientenleitlinie "Essstörungen" der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen erwähnt, spielt aber unserer Erfahrung nach in der aktuellen alltäglichen Arbeit mit essgestörten Kindern und Jugendlichen im deutschsprachigen Raum keine nennenswerte Rolle, sie ist sogar in Fachkreisen kaum bekannt. Die Forschung an deutschen und europäischen Universitäten hat begonnen. Erste große Kliniken in Deutschland haben begonnen home treatments als außerklinische Behandlungsform bei Essstörungen einzusetzen. 

Es gibt kaum deutschsprachige oder ins Deutsche übersetzte Literatur zum Thema FBT (Recherche läuft). Uns ist nur ein Buch auf Deutsch bekannt, das sehr ausführlich den Weg einer Familie aus der Magersucht heraus zeigt, mit Hilfe einer FBT Behandlung:

"Gramm für Gramm zurück ins Leben" von Harriet Brown. Derzeit ist das Buch leider nur antiquarisch erhältlich, eine Neuauflage ist laut Verlag nicht geplant. Als eBook ist es bei Amazon und anderen Anbietern inzwischen leider auch nicht mehr erhältlich. Wir haben Leihexemplare, bei Bedarf über das Kontaktformular anfragen.

Man findet plötzlich eine komplett andere Art des Umgangs mit Anorexie, wenn man Suchmaschinen nach Stichworten wie "fbt anorexia" oder "maudsley anorexia" befragt und den deutschen Sprachraum verlässt.

 

So funktioniert es

FBT ist keine Therapie im herkömmlichen Sinne, sondern eine ganzheitliche Behandlung, die zwei Ziele verfolgt:

1. Eine schnellstmögliche Normalisierung des Gewichtes
2. Das Kind/den Jugendlichen so schnell wie möglich wieder ins normale Leben zurückzuführen.

"Essen ist deine Medizin" ist eines der Mantras des Programms. Die Anorexie wird als eine körperlich-biologische Krankheit gesehen, gestützt auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse.

Die Erfahrung zeigt, dass die aggressiven, skurrilen und teilweise seltsam anmutenden Verhaltensweisen, die mit der Anorexie einhergehen, bei einer Normalisierung des Gewichts langsam verschwinden. Diese Verhaltensweisen sind nur Symptome, nicht die Ursachen. Deshalb liegt bei FBT der Schwerpunkt auf der schnellen Gewichtszunahme und nicht in der Behandlung von Symptomen.

Eltern wird keinerlei Schuld an der Erkrankung zugewiesen, sie werden vielmehr als größte und wichtigste Ressource im Kampf gegen die Krankheit gesehen. Eltern sind nicht Teil des Problems, sondern Teil dessen Lösung.

Es handelt sich in den meisten Fällen um eine Vertauschung von Symptom und Ursache, wenn Ursachen für eine Essstörung in dysfunktionalen und gestörten Familenverhältnissen oder in einer vermeintlich narzistischen Veranlagung des jungen Menschen gesucht werden. Mit einem schwer an Magersucht erkrankten jungen Kind oder Menschen in seiner Mitte wird jede Familie zu einer dysfunktionalen Familie.

Eltern sind mit der aktuellen Situation überfordert, echte und wirksame Hilfestellung sind im real existierenden Gesundheitswesen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz (und leider in vielen weiteren Ländern) rar.

Neben psychiatrischen Begleiterscheinungen wie Depressionen und Suizidalität erreicht die körperliche Gesundheit des Kindes oft schnell einen erschreckenden, bis hin zu akut lebensbedrohlichen oder einen mittel- und langfristig sehr schädigenden Zustand. Die Liste der gesundheitlichen Gefahren durch Hungern und/oder Erbrechen ist lang, erschreckend und sehr real. Der körperliche Verfall kann sehr schnell voranschreiten. 

Eltern benötigen in dieser Position schnelle und unkomplizierte Hilfestellung, wie sie die Gesamtsituation rasch verbessern können und wie sie ganz praktisch mit ihrem Kind in Essens- und vielen anderen Situationen umgehen können, keine verpsychologisierten Vorwürfe.

 

Kompetenzentwicklung durch intensives Coaching

Die Eltern sind nicht keine "Therapeuten" bei dieser Methode. Sie werden von einem Coach oder Therapeuten angeleitet, ihr Kind zuhause zu behandeln. Die Ergebnisse werden über längere Zeit mindestens wöchentlich gemeinsam bearbeitet und reflektiert, bei Bedarf öfters. In diesen Sitzungen werden jeweils die nächsten Schritte geplant.

Dabei stellt der FBT-Coach den Eltern einen reichen Erfahrungsschatz zur Verfügung, was bei anderen Familien funktioniert hat. Denn jedes Kind und jede Familie ist individuell und nicht alles funktioniert bei allen Kindern. Den Eltern wird geholfen ihren Weg zu finden. Man hätte gerne Patentrezepte, aber die gibt es nicht.

Individuelles Networking und direkter Austausch mit anderen betroffenen Angehörigen (z.B. über das Around the Dinner Table Forum von FEAST) hilft vielen Eltern entscheidend weiter. Das Forum nennen viele Eltern ihren "Lebensretter".

 

Phase 1: Refeeding - schneller, gezielter und wirkungsvoller Gewichtsaufbau

In Phase 1, der sogenannten Refeeding-Phase, geht es darum, schnell ein ausreichendes Gewicht wiederherzustellen, damit die Situation verbessert wird. Es wird eine wöchentliche Zunahme von 0,5-1 Kilogramm angestrebt.

Das Kind selbst hat und benötigt keinen Therapeuten während dieser Zeit. Betroffene sind in diesem akuten und oft lebensgefährlichen Zustand nicht in der Lage, sinnvoll und konstruktiv ihre Krankheit durch psychotherapeutischen Maßnahmen -egal in welcher Form- zu bearbeiten.

Erst wenn sich nach Phase 1 und 2 zeigt, dass es tiefergreifende psychische Probleme gibt -was meist nicht der Fall ist- dann werden diese therapeutisch angegangen. Die Symptome der Essstörung, selbstzerstörerische Verhaltensweisen und andere psychischen Probleme der Kinder verschwinden bei einer Normalisierung und Stabilisierung des Körpergewichts meist rasch von selbst.

Für Angehörige und Freunde ist es wie Magie, wenn anorektische Verhaltensweisen verschwinden und das Kind wieder so wird, wie man es gekannt hat. Es gibt inzwischen viele glückliche Menschen, die dies erleben durften.

Es soll hier aber nicht unerwähnt bleiben, dass junge Menschen, die eine Prädisposition für Anorexie haben, oftmals Probleme mit Ängsten und Perfektionismus haben. Es macht dann durchaus Sinn, dies nach einer erfolgreichen FBT-Behandlung therapeutisch aufzugreifen.

 

Vollständige Übernahme der Kontrolle über Essen, Bewegung und sozialen Kontakte

Grundannahme für Phase 1 ist, dass das Kind oder der Jugendliche in seinem jetzigen akuten Zustand in keiner Weise in der Lage ist, irgendeine sinnvolle Entscheidung zu treffen, die zentrale Lebensfragen betrifft. Und zwar völlig unabhängig vom biologischen Alter des Erkrankten.

In Phase 1 werden dem Kind alle Entscheidungen abgenommen, die mit Essen und Bewegung zu tun haben. Das steht damit völlig konträr zum von vielen von uns erlebten klinischen Ansatz, die Eigenverantwortlichkeit zu stärken und Erkrankte bei Bewegungskontrolle, Essensauswahl und Zubereitung aktiv miteinzubeziehen.

Der Kampf um die wenigsten Kalorien beginnt dann im Supermarkt und endet beim Zubereiten und Portionieren der Mahlzeiten. Kompromisse fallen immer zugunsten der Anorexie aus und sind meist am alleruntersten Rand des Verantwortbaren seitens der Eltern oder darunter. FBT setzt die Eigenverantwortlichkeit erst Schritt für Schritt im Laufe des Genesungsprozesses um, was zu einer deutlichen Reduzierung des Rückfallrisikos führt.

Eine gute Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen den Eltern ist unabdingbar, sie müssen der Krankheit als eine Einheit entgegentreten. Die Rolle der Eltern ist es, der Krankheit immer zwei Schritte voraus zu sein. Sie schützen ihr Kind vor der Krankheit, da es selbst nicht in der Lage zu ist.

 

Externalisierung: Das geliebte Kind und die Krankheit trennen

Bei einer FBT-Behandlung lernen Eltern gleich zu Beginn, das Kind von der Krankheit zu trennen. Das ist eines der ersten Themen, die der Coach mit den Eltern angeht. Das sogenannte Externalisieren der Krankheit ist eine zentrale Komponente bei FBT. Die Erkenntnis und das Wissen darum, dass nicht das Kind verantwortlich für die Krankheit ist, sondern dass die Krankheit das Kind kontrolliert, hilft den meisten Eltern sehr schnell besser mit der Situation umgehen zu können.

 

Zwanghafte Bewegung, Erbrechen und selbst verletzendes Verhalten

Nicht alle anorektischen Kinder, aber doch sehr viel, haben einen übermäßigen Drang, sich zwanghaft zu Bewegen und Workouts zu absolvieren, das sogenannte "over-exercising". Andere Kinder zeigen selbstverletzendes Verhalten oder beginnen gezielt zu Erbrechen. Diese schädlichen Verhaltensweisen müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbunden werden.

Hier erarbeitet der Coach mit den Eltern eine individuelle auf die Familie und das Kind abgestimmte Strategie. Bewegungsmelder oder Kontrollgänge können helfen, das Kind von nächtlichen Workouts oder Erbrechen abzuhalten. In vielen Familien schläft in den ersten Wochen ein Elternteil mit im Zimmer des Kindes.

 

Schutz vor schädlichen und krankheitsfördernden Einflüssen

Dem anorektischen Kind wird in dieser frühen Behandlungsphase sehr viel Privatsphäre genommen, z.B. mit regelmäßigen Zimmerdurchsuchungen oder allzeit geöffneten Türen. Man darf die Kinder in diesem Stadium nicht mit dieser Krankheit alleine in einem Zimmer lassen.

Der Internetzugang muss streng kontrolliert werden, ein ggfs. vorhandenes Handy gut präpariert sein. Es gibt gute Software um die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen einfach und sicher reglementieren zu können. Das Kind darf im Internet nur sehen, was die Eltern freigeben. Mit Browser, Instagram, Youtube und über andere Kanäle holt sich das Kind im Internet nur Informationen über Magersucht und Bestätigung.

Unter anderem ist das Internet eine wichtige Informationsquelle über Nährmittelangaben. Die Beschäftigung mit Kalorientabellen, Nährwertangaben und Abnehm-Tipps ist für die meisten an Anorexie erkrankten Menschen eine Obsession! Jugendliche landen oft in privat organisierten Internetforen und Communities, die Außenstehenden verschlossen sind (Stichwort: ProAna-Bewegung). Dort tauschen sich erkrankte Jugendliche aus, geben sich Tipps, feiern Abnehmerfolge und ermuntern sich gegenseitig. Die Kinder lernen dort neue "Tricks" und sind im schlimmsten Fall den Bemühungen der Eltern immer um einen Schritt voraus. Es werden dort teilweise lebensgefährliche Ratschläge erteilt.

Die komplette Mediennutzung des Kindes muss unter Kontrolle der Eltern stehen. Germanys Next Top Model oder Sportsendungen über Leistungsturnen sind nicht unbedingt ein gutes Fernsehprogramm für diese Lebensphase, genauso wie Bravo, Girl und ähnliches nicht unbedingt der richtige Lesestoff ist.

 

Weitere mögliche Maßnahmen

Essen, Nahrungsmittel und Nahrungsaufnahme sind hoch angstbesetzt für anorektische Patienten. Das Kind muss in kleinsten Schritten wieder ein normales angst- und panikfreies Essen lernen.

Für das Essen gibt es zum Beispiel als einen möglichen Ansatz das sogenannte "magic plate". Das Kind wird weder in die Essensauswahl, -beschaffung noch -zubereitung mit einbezogen und sieht das fertig portionierte Essen erst, wenn es auf dem Tisch steht.

Nährwert-, Mengen- und Kalorienangaben auf Lebensmitteln können geschwärzt werden, um dem anorektischen Kind die Datengrundlage zu entziehen. Alternativ können auch alle Verkaufsverpackungen schon im Supermarkt entsorgen werden und alle Lebensmittel in neutrale Aufbewahrungsgefäße umgefüllt werden. Unterschiedlich großes Geschirr, Schüsseln, Gläser und Tassen können gezielt genutzt werden, um Essstörungsrituale aufzuweichen.

Allen möglichen Maßnahmen gemeinsam ist, dass sie in der aktuellen Krankheitssituation sehr radikal sind und der Krankheit wirklich etwas Substanzielles entgegensetzen.

Jede Familie muss hier ihren eigenen, individuellen Weg finden. Ziel ist es, das unerwünschte und unnormale Verhalten des essgestörten Kindes durch die Eltern unmöglich zu machen.

 

Der Widerstand verwandelt sich in Akzeptanz

Der oft sehr heftige initiale Widerstand des Kindes gegen solche einschneidenden Maßnahmen verwandelt sich schnell in eine Akzeptanz.

Um emotional sehr geladene Situationen zu entschärfen und die oft sehr abweisende Art des Kindes  - wenn gerade die Essstörung am Ruder ist - auszuhalten, bieten sich Methoden der GFK (Gewaltfreier Kommunikation) und der ACT (Acceptance and Commitment Therapy) an. Viele betroffene Eltern berichten von einer bedeutenden Verbesserung der Situation, wenn sie es erreichten, die Kommunikation für alle Betroffenen befriedigender, ruhiger und friedlicher zu gestalten, sowie selbst ausgeglichener zu sein. Diese Methoden gehören aber nicht zum 'Standardrepertoire' einer FBT Behandlung.

Man hat das Gefühl, das Kind ist froh, dass man es vor dieser Krankheit beschützt. Von geheilten Patienten hört man später oft: "Ihr habt mir geholfen, dass ich mich gegen diese Krankheit wehren konnte. Ich konnte immer sagen: Mama und Papa zwingen mich dazu."

Sehr oft nehmen die Kinder und Jugendlichen schnell die neuen Rahmenbedingungen dankbar an, fügen sich nach den ersten Wochen in die neue Lebenssituation und halten aus eigenen Stücken an den neuen, schützenden Regeln fest. Es ist wie ein lebensrettender Schutzschild, den man Stück für Stück um sein Kind baut.

Endlich haben Eltern durch das Coaching Möglichkeiten an der Hand, das Verhalten des Kindes zu steuern und die Situation schnell in kleinen Schritten zu verbessern, was vorher unmöglich schien. Es ist, als ob man eine Grippe endlich mit dem passenden Penicillin bekämpft, und nicht mehr nur mit Kamillentee und tröstenden Worten.

 

Phase 2 - Rückgabe der Autonomie an das Kind und Rückkehr in die Normalität

In Phase 2, wenn das Kind ein ausreichendes Gewicht erreicht hat und dauerhaft hält, wird ihm die altersgemäße Autonomie in Bezug auf Ernährung Stück für Stück wieder zurückgegeben. In dem Maß, in dem es jeweils in der Lage dazu ist.

 

Was ist das richtige Gewicht - state not weight

Ein sehr wichtiger Punkt bei einer FBT-Behandlung ist das zu erreichende Gewicht, bei dem man davon ausgehen kann, dass ein Kind wieder gesundwerden kann. Man rekonstruiert dafür die historische Gewichtskurve und ermittelt, wo das Kind jetzt gewichtsmäßig sein müsste, wenn es die Krankheit nicht bekommen hätte.

Eine Orientierung an Alters-Durchschnittswerten ist nicht zielführend. Jeder junge Mensch hat seine eigene Konstitution, sein eigenes Gewicht, seinen individuellen Körperbau. Es reicht für eine Genesung nicht, das Gewicht nur bis an die Kante "nicht mehr untergewichtig" aufzubauen. Das Gewicht, der BMI oder das Erreichen einer bestimmten Perzentille sind nicht der Maßstab, es muss das individuelle "Wohlfühlgewicht" des Körpers gefunden werden, der "set point".

FBT geht zudem vom Leitsatz "state not weight" aus. Das bedeutet, die Gewichtszunahme wird erst dann abgeschlossen, wenn die Eltern merken, dass ihr Kind wieder ganz es selbst ist. Leider wird im deutschen Sprachraum im Allgemeinen das Zielgewicht allgemein viel zu niedrig angesetzt und es wird viel zu früh mit der Gewichtszunahme aufgehört.

Das ist ein schlimmer und gefährlicher Kompromiss mit der Krankheit. Dem Kind darf nichts von seinem vorübergehenden Mager-sein gelassen werden. Folge sind sonst Rückfälle und lebenslange Probleme.

 

Phase 3 – Behandlung weiterhin bestehender psychischer Probleme

Phase 3 ist in vielen Fällen kaum oder gar nicht nötig. Sollte nach der Gewichtsrekonstruktion und einem sechs- bis zwölfmonatigen der Hirnheilung noch psychische Probleme oder auffälliges Verhalten vorliegen, dann werden psychotherapeutische Maßnahmen eingeleitet, um eine weitere Gesundung des Kindes voranzutreiben. Die Hirnheilung beginnt nach Meinung von Experten erst bei einem nahezu vollständigen Erreichen eines gesunden Gewichts.

Bei vielen jungen Menschen wird im Verlauf des Genesungsprozesses klar, dass keine weiteren tiefgreifenden psychischen Probleme vorliegen. Einige junge Menschen haben aber nach wie vor mit Perfektionismus, Zwängen oder anderen Ängsten zu kämpfen, die oftmals Hand in Hand mit der Essstörung einhergingen. Bei Normalgewicht kann dies aber viel besser behandelt werden und neue Bewältigungsstrategien erlernt werden.

 

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